ABOUT THIEL:

OBSESSED BY PHOTOGRAPHY

 

 

 

 

 

 

 

„Ich mag Dinge, die sich nicht bewegen.“  (Karl R. Thiel)

 

 

 

Wir leben in exponentiellen Zeiten. Die Welt ist schnell, gefährlich schnell. Alles passiert gleichzeitig, prasselt auf uns nieder. Von vielem zuviel: "Unsere Kultur des Sinns bricht zusammen unter dem Übermaß an Sinn, die Kultur der Realität bricht zusammen unter dem Übermaß an Realität, die Kultur der Information bricht zusammen unter dem Übermaß an Information. Bestattung von Zeichen und Realität im selben Leichentuch.", so der französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard.

 

Fotografie ist eine Form zwischenmenschlicher Kommunikation. Als solche Teil der nonverbalen Kommunikation. Die Vermittlung von Informationen an das menschliche Auge nennen wir „Visuelle Kommunikation“ (lat. visus, (das) Sehen, 2. lat. communicato, „Mitteilung“).  Nur - wer schaut noch genau hin, findet Zeit zum Nachdenken, Reflektieren?  Wer fragt sich noch „Was bin ich. Und was bin ich nicht“? Stelle ich mir selbst die Frage, gibt es viele Antworten: Kommunikator, Beobachter, Fotograf. Auch Gestalter, Fragender. Mein Werkzeug ist die Kamera. Damit kommuniziere ich. Könnte ich besser formulieren, würde ich die Sprache benutzen, um die Welt zu beschreiben. Aber ich höre, spreche und schreibe die Sprache nicht, ich sehe sie. Als Bild, Form und Zeichen. So wie andere Menschen Farben hören, so kann ich Worte, Buchstaben, Sätze und Inhalte sehen. Die ganze Sprache ein Bild, mitsamt ihrer Bedeutung. Wenn ich etwas fotografieren kann, gibt es für mich keinen Grund, es zu beschreiben. Deshalb spreche ich in Bildern.

 

Durch das Fotografieren verleihe ich dem Motiv eine bestimmte Bedeutung. Etwas vermeintlich triviales erhält seine eigene Schönheit, oft versteckt im Detail oder in der Komposition. Ich sehe fotografisch, suche und entdecke die Schönheit in Dingen, die jeder andere auch kennt, jedoch meist - weil zu gewöhnlich - unbeachtet läßt. Eine Art Apotheose des Alltags, Durchdringung der Textur. Sehen als spirituelle Erfahrung, unbelastet von Dogmen, Begrifflichkeiten, An- und Widersprüchen, ohne Vorbehalte und Vorurteile, ohne philosophische Tendenzen, keiner bestimmten Denkschule folgend, offen für das Sehen in seiner reinsten, subjektiven Form.

 

Im Zen-Buddhismus gibt es eine Ausdruck, der ganz gut beschreibt, was in mir passiert, während ich fotografiere. Man nennt diesen Vorgang „Satori“, die, oft blitzartig auftretende, Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins. Mein Bewusstsein wird im Moment des Auslösens nicht beschränkt durch Eingriffe des Intellekts oder seiner Sichtweisen. Das Fotografieren ist in dem Moment viel mehr eine meditative Erfahrung, eine Befreiung vom Ich oder von der Zeit. Es stellt sich in mir plötzlich ein Gefühl zeitweiser Leere ein, vergleichbar mit der buddhistischen „Abwesenheit von Etwas“. Konzentration in Reinform.  

 

Diese Arbeitsweise ermöglicht einen bestimmten ästhetischem Purismus, der sich in den Bildern niederschlägt. In jedem „Ding“ existiert eine Struktur. Die Struktur der Welt. Sichtbar gemacht in der Schönheit, dem Vergnügen der Form. Schönheit der Wirklichkeit. Landschaftsaufnahmen werden Bilder der eigenen inneren Landschaft, Portraitfotos gleichzeitig Portraits von mir selbst. Fotografie als bipolare Verbindung zwischen dem Ich und der Welt, der Realität. Die Projektion des Bewusstseins.

 

Wir leben in einer Gesellschaft des Spektakels. Ein Spektakel, dass wir uns auch noch selbst erschaffen, damit Dinge und Situationen überhaupt noch wirklich - und damit vielleicht noch interessant - sind und Beachtung finden. Hauptsache laut, grell, geschwätzig, beflissen.

 

Deshalb sind meine Bilder möglichst „leise“, „unspektakulär“. Meine persönliche Form der Gesellschafts- und Wahrnehmungskritik. Das Bild als Objekt der Kontemplation. Ich arbeite gegen die visuelle Idealisierung der Welt. Meine Erfahrungen dabei werden durch meine Bilder demokratisiert. Der flüchtige Augenblick, die Flüchtigkeit der Dinge, fixiert. Es sind keine „vernünftigen“ Fotografien, die ich anfertige. Jedes Foto sollte etwas haben, dass man nicht beschreiben kann, das eine gewisse innere Unruhe auslöst, Ratlosigkeit, Verwunderung, oft nur durch ein Detail begründet. Unerklärlich, nicht mit dem ersten Blick erfassbar. Manchmal erklärt sich so ein Bild - situativ - sogar erst lange Zeit nach der ersten Betrachtung, aus der Erinnerung heraus. Zum schnellen konsumieren also denkbar ungeeignet. Man muss schon genauer hinsehen. Aber gerade dadurch gibt man den Motiven ihre Würde und ihren Wert. Oder gibt ihn beides wieder zurück. Wert-schätzen statt entwerten.

 

Meine Fotografien sind temporäre Zeichen. Diese Zeichen haben für jeden Betrachter eine andere Bedeutung. Der Betrachter glaubt zu wissen, was er sieht. Er kann es interpretieren, sich damit auseinandersetzen, als Botschaft verstehen oder nutzen. Es sind eher abstrakte Bilder, die sich von ihrer Funktion der Repräsentation oder Information zunehmend lösen („abstract turn“), beispielsweise bei Aufnahmen von Bäumen und Strukturen. Strenge Ästhetik, geometrische Perspektiven, dann widerum weiche, sinnliche Formensprache.

 

Ich bin kein Melancholiker. Jedenfalls nicht im Sinne von Trübsinn oder Traurigkeit. Allenfalls mit leichten Anflügen von Schwermut, immer mißtrauisch. Verlässlich und (meist) selbstbeherrscht. Nicht unfähig zu Handeln oder verharrend in einer geistigen Position. Sondern ein Handelnder, ein Schaffender, der die Welt und ihre Zusammenhänge sehen, erkennen und verstehen will. Ganz im Sinne von Hannah Ahrend, der jüdisch deutsch-amerikanischen politischen Theoretikerin, Philosophin und Publizistin, die das Handeln als die einzige Tätigkeit sieht, in welcher der Mensch im eigentlichen Sinne zu dem werden kann, was er ist. Also Handeln nicht als notwendige, sondern als hinreichende Bedingung des menschlichen Seins. Fotografie als Conditio Humana. Als Mittel gegen die Selbstentfremdung des Menschen von seiner Natur. Es gibt mehr als eine Welt in unserer Welt.

 

Meine Fotografien wollen sich nicht als Kunst ausgeben. Sie sind mitfühlend, liebevoll, persönlich, ermöglichen dem Betrachter eine eigene Sicht. Zwingen, belehren oder nötigen niemanden zu einer bestimmten Sichtweise. Ich glaube an die Natur, die alles hervorgebracht hat. Und uns lehrt. Das ist, was ich zeige und wie ich empfinde. Fotografie ist meine „Sprache“, eine Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird, weil sie Brücken schlägt und uns zu einer „Familie“ macht. Sie erlaubt uns, Schönheit zu sehen, Hoffnung, Freude und Erstaunen zu teilen, Neugierde zu wecken. Zu glauben, zu hoffen und zu verstehen, aber auch zu zweifeln, in Frage zu stellen, Antworten zu suchen und zu finden, Liebe zu zeigen, Hass zu schüren, Verzweifelung zu dokumentieren. Fotografie als unmittelbares Spiegelbild des Bewusstseins, der Moral, der Seele. Um das Wunder des Hier und Jetzt festzuhalten. Oder wie der ungarische Fotograf André Kertész einmal sagte: „Die Kamera ist mein Werkzeug. Mit ihrer Hilfe mache ich alles um mich herum sinnvoll.“

 

Karl R. Thiel, Hamburg/Bad Ems im Winter 2012/13

 

 

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